Insa Spatz berichtet aus Sherbrooke (Québec / Kanada)
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Mein Jahr 2005/2006 in Sherbrooke, Quebec

So ziemlich genau vor einem Jahr (Juli 2005) begann ich langsam zu begreifen, dass ich mein Zuhause für ein Jahr verlassen würde. Ich hatte schon einige Emails mit meiner Gastfamilie, die aus sehr jungen Eltern und drei kleinen Töchtern im Alter von damals 3, 4 und 5 Jahren bestand, ausgetauscht und doch konnte ich mir noch nicht vorstellen wie meine neue Welt aussehen würde. Immer kürzer wurde meine Zeit bis zu meinem Abflug und immer nervöser wurde ich.

Als ich am 9. August, der Tag vor meinem Abflug, abends in meinem Bett lag, guckte ich an die Decke meines Zimmers, sowie jeden Abend, und ich dachte bei mir:"Jetzt kann das lang erwartete Abenteuer beginnen! Quebec, ich komme!" Und mit dieser Vorfreude stieg ich am nächsten Morgen in den Flieger. Die Trennung von meiner Heimat wurde mir zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht richtig bewusst. (Ein Glück?!) Jeglicher Kummer war ohnehin vergessen als ich am Gate in Frankfurt vor einem "aufgewühlten Ameisenhaufen" sich nicht kennender Austauschschüler stand. Im Minutentakt fanden wir Gemeinsamkeiten, die uns jegliche ohne Worte verbanden.

Die zwei folgenden Wochen in Montreal waren eine Mischung aus Ferien und Jugendreise für mich. Freizeitparks, Riesen-Wasserrutschen-Park , Beachvolleyball, "Arbre-En-Arbre", usw. Eines der schönsten Gefühle für mich war morgens im Camp anzukommen, von seinen Erlebnissen zu erzählen und sich sofort verstanden zu fühlen. Innerhalb weniger Tage hatten sich richtige Freundschaften entwickelt. So fiel der Abschied von den neuen Freunden schon ein wenig schwer als es auf zu unser neuen Heimat ging. Dabei fing es dort ja erst an!

Jeder Tag war ein neues Abenteuer. Obwohl ich mich vor dem ersten Schultag gefürchtet hatte, verlief er gar nicht spektakulär. Ich wurde direkt vom ersten Tag an in meine spätere Clique aufgenommen. Ich fühlte mich immer willkommen und viele waren sehr, sehr gastfreundlich. Auch im Unterricht wurde mir immer Hilfe angeboten und meine Lehrer, sowie Mitschüler waren sehr geduldig mit mir. Auch mit meiner Gastfamilie schienen die ersten Hemmungen gefallen zu sein. Meine kleinen Gastschwestern passten immer gut auf mich auf und in unserem Haus herrschte immer viel Leben! Am Wochenende unternahmen wir öfters etwas, allerdings musste ich mich am Anfang noch viel meinen Hausaufgaben widmen, da mein Wörterbuch mein bester Freund war und viel Zuneigung forderte. Aber auch das änderte sich schnell.

Ich verbrachte meinen ganzen Tag in der Schule von 9 bis 16 Uhr und da blieb einem gar nichts anderes übrig als Französisch zu lernen. So verstand ich nach zwei Monaten schon fast alles und war ohne Probleme in der Lage mich auszudrücken. Ich hatte mich entschlossen in der Schule Volleyball in der Schulmannschaft zu spielen und somit hatte ich zwei Mal die Woche Training und ein Mal im Monat ein Turnier. Eine Aktivität in der Schule zu machen kann ich nur empfehlen, da man schnell neue Leute kennen lernt und es eine schöne Erfahrung ist Teil einer Mannschaft zu sein.

Im Herbst, der an den Bäumen wunderschöne bunte Farben wiederspiegelte, bekam ich langsam die Kultur "Quebecoise" zu spüren. Ich war auf einem Cowboyfestival, angelte meinen ersten Fisch in meinem Leben und bekam ein wenig von dem Motto "Think BIG" mit: Auf dem Rückweg von einem Besuch bei Oma und Opa hielten wir bei einem Metzger und meine Gasteltern zogen los und kamen schließlich mit ca. 170 kg (ungelogen!!!) reinem Fleisch zurück. Das erste Problem, was wir in Deutschland hätten, nämlich die Unterbringung, erledigte sich hier regelrecht, da zwei riesige Tiefkühltruhen zu Hause warteten. Als ich sie dann fragte ob sie Angst hätten zu verhungern, meinten sie:"Insa, du magst doch gerne Hamburger, ne?!" Na gut...später merkte ich dann, dass dieser Vorrat für das ganze Jahr reichte, aber ich musste trotzdem über diese Aktion grinsen. Es war das Highlight zum Thema Essen!

Zu den "kanadischen Zwischenfällen": Ende September zog ein Wirbelsturm über Sherbrooke, der unser ganzes Dorf Schwarzaussehen lies und uns einen Tag lang den Strom nahm. Die ersten Anzeichen für den harten Winter Québecois, mit dem mir alle Angst machen wollten. :-P

Am 25. Oktober fiel dann auch direkt der erste Schnee und die Jagdsaison meines Gastvaters begann. Mein Gastvater brachte fast täglich gefangene Tiere, wie Waschbären, Eichhörnchen, Füchse oder Kojoten nach Hause, da er als Hobby jagte bzw. Fallen aufstellte. Daran musste ich mich erst gewöhnen, aber im Nachhinein schätze ich mich sehr glücklich, dass ich diese Chance hatte und ich glaubte es hat mein Jahr noch außerordentlicher gemacht. Meine Vorstellungen der kanadischen Natur wurden Realität. Er fing die Tiere in freier Wildbahn, nahm sie auseinander und verkaufte die Felle, was dort durchaus üblich war.

Die Weihnachtszeit näherte sich nach Halloween mit großen Schritten. In der Schule waren meine Noten überraschend gut und meine Freunde sorgten am Wochenende auch für Programm. Wir gingen shoppen, machten DVD Abende, feierten Geburtstage usw. Trotz allem war es eine Umstellung von einer der größten Städte Deutschlands (Köln, ich grüße dich!) nach Sherbrooke, mit ca. 80 000 Einwohnern, wo abends partymäßig deutlich weniger lief, wenn man unter 18 Jahren war. Aber es war nicht schlechter, einfach anders. Ich meine, man brauch ja auch etwas auf was man sich wieder freuen kann.

Mit einem großen Schneesturm Anfang Dezember ging dann endlich mein Traum einer weißen Vorweihnachtszeit in Erfüllung! Es war eine unbeschreiblich schöne Weihnachtszeit! Der Schneesturm war der Erste und der Letzte, den ich zu unterschätzen wagte! Obwohl wir Anfang Dezember schon teilweise –25°C hatten und die Medien schon von einem Schneesturm sprachen, ignorierte ich dies erst mal, da mir die Québecois schon so viel erzählt hatten, dass der Winter noch gar nicht angefangen hätte. Umso überraschter war ich dann als meine Gastmutter am nächsten Morgen in mein Zimmer kam und mir sagte, dass ich schulfrei hätte aufgrund des Schneesturms. Morgens verstand ich noch nicht ganz warum wir schulfrei hatten. "Ganze 5 cm" waren gefallen und als es mittags dann auch noch aufhörte zu schneien dachte ich mir nur:"Was sind das denn hier für Weicheier?" Als wir dann abends draußen waren, mein Gastvater mit der Schneesouffleuse die Einfahrt freimachte und man im tiefen Schnee versank, realisierte ich langsam warum wir keine Schule hatten. An einem Tag 25 cm Schnee! Das macht Spaß! Woanders fielen sogar bis zu 40cm Schnee! Endlich bestand für mich mal die realistische Vorstellung von weißer Weihnacht. :o)

Weihnachten, wo ich glaubte das Heimweh würde mich suchen, verlief einzigartig und es war keine Zeit für Heimweh. Das Weihnachtsfest war komplett anders als bei uns. Meine Familie hier in Deutschland ist bescheiden klein, während ich in Quebec fast ein ganzes Jahr benötigte um die ganzen Namen zu können, also es war eine wirkliche Großfamilie. Außerdem durfte ich dort den Glauben meiner Gastschwestern an den Weihnachtsmann und den damit verbunden "Weihnachtszauber" miterleben. Es war toll so viele leuchtende Kinderaugen zu sehn. Ich glaube ich hatte in meinem Leben noch nie so einen riesigen Geschenkberg gesehen! Also verbrachten wir den ganzen 25.12. mit Photos knipsen, quatschen, essen, Geschenke auspacken und noch mal essen. :-P Am 27.12. war dann erst mal eine riesen große Shoppingtour angesagt, da die Preise bis zu 60% heruntergesetzt waren. Echter Wahnsinn!

Am 29.12 erlebte ich einen der unvergesslichsten Tage meines Aufenthaltes! Eigentlich war es der Tag an dem ich meine Abwehrkräfte und Herzkreislaufsystem stärken sollte. Aber dies geschah auf wunderschöne Weise. Es hieß nämlich ein eiskaltes Bad in einem Fluss, der bis auf ein kleines Loch zugefroren war, zu nehmen. Zu dieser Jahreszeit ohne Jacke aus dem Haus zu gehen erschien mir schon fast tödlich :D und nun stand ich dort im Bikini. *zähneklapper* Nach einem heißen Saunagang ging es dann runter zum Fluss und dann 1...2... 3... ins 0°C kalte Wasser... *brrr*...2 Sekunden im Wasser...und dann schnell wieder raus und ab ins Whirlpool oder Dampfbad und wieder in den Fluss usw. Es hat einfach tierischen Spaß gemacht und das Plätzchen dort war einfach wunderschön! Die Whirlpools waren wenige Meter entfernt vom Fluss, an einem Waldrand, im Hintergrund lief leise, ruhige Musik und es war einfach einzigartig zum Relaxen. Meine Freundin, meine Gastmama und ich waren kaum zu bremsen. Ein unvergessliches und unbeschreibliches Erlebnis. Man musste es einfach miterlebt haben!

Die schöne Winterzeit wurde dann noch mit einer Skiwoche im Februar mit meiner Stufe verschönert. Es ging in die Laurentides ab zum Skifahren und Snowboarden. Die Ski- und Wetterkonditionen waren herrlich, wir waren in zwei super großen Skigebieten, wie Mont Tremblant und ich hatte einfach riesigen Spaß mit meinen Freunden. Morgens war um 7 Uhr aufstehen angesagt, da wir fast immer einen Stunde in die Skigebiete fahren mussten und abends kamen wir gegen 17 Uhr zurück und waren dann so erledigt vom Tag, sodass wir meistens schon gegen 22 Uhr in unsere Betten fielen.

Anfang März hatte ich dann allmählich genug vom Schnee, der Kälte, Frieren usw. Allerdings wurde es erst Ende April wärmer. Ihr merkt das Wetter war und ist immer wieder Thema in Quebec. :-P Aber alles in allem kann ich sagen, dass ich natürlich ohne Probleme den gefürchteten kanadischen Winter überstanden habe und ich ihn sogar richtig geschätzt habe. :o)

Ende März, als es das Thermometer wieder den Gefrierpunkt überstieg, war dann Ahornsirupzeit. Ahornsirup, das flüssige Gold, wie die Québecois sagen. Ich besuchte mehrere Cabanes à sucre (Hütten in denen Ahornsirup hergestellt wird) und dort wurde wirklich alles, wie Bohnensuppe, Kartoffeln, Speck, Eier etc. mit Ahornsirup gegessen. Es mag zwar komisch klingen, aber es ist verdammt lecker!!!

Ein anderes Highlight im März war der erste Platz mit meiner Volleyballmannschaft in der Liga. J Unsere vielen Trainingseinheiten hatten sich also gelohnt.

Und ab April, kann ich euch sagen, drehten sich in der Schule alle Gespräche nur um den Abschlussball (oder Prom wie man in den USA sagt). Ich hatte im Februar mein Ballkleid in Montreal gekauft und damit war ich keineswegs früh dran! Es wurden die Tischkonstellationen zum Essen, das Outfit von oben bis unten, das Ankommen am Ball usw. besprochen. Alles Erdenkliche ...

Ich genoss den endlich eingetroffenen Sommer, besuchte Montreal und seine Sehenswürdigkeiten mit meiner Gastfamilie, ging mit meinen Freunden an meinem Geburtstag Bowlen, besuchte eine Modenschau an unsrer Schule und ob ich wollte oder nicht, näherte sich das Ende mit riesigen Schritten.

Und eh ich mich versah war schon Juni. Die Zeit der "Endexamen". Ich schrieb in vielen Fächern Examen über den Stoff des ganzen Schuljahres (das war vielleicht eine Lernerei!) und erhielt schließlich mein Abschlussdiplom (in Quebec beträgt die Schulzeit ja nur 11 Jahre), mit dem fast jeder von der Secondaire geht.

An einem Wochenende, was mir noch besonders gut in Erinnerung ist, lud eine gute Freundin unsere Clique und mich zu einem Wochenende in ihrem Ferienhaus ein. Es sollte meine "Abschiedsparty" sein. Wir fuhren alleine dorthin, was alleine schon super spaßig war und als wir dann dort ankamen war es wie in einem Traum! Ein wild gewordener Hühnerhaufen alleine in einem Ferienhaus an einem traumhaftschönem See, im Sommer, der nicht mehr zu halten war! Wir schmissen erst mal alles hin und sprangen für eine Stunden in den See. Weiter ging es dann mit Chips, Hot Dogs und Marshmallows am Lagerfeuer, das wir nach 1 Stunde endlich an hatten! Wir beobachteten den einmaligen Sonnenuntergang über dem See und saßen noch bis tief in die Nacht zusammen um das Lagerfeuer herum. Ein einzigartiges Erlebnis, das ich nie vergessen werde!

Das nächste unvergessliche Ereignis war dann natürlich der "bal de finissants", der Abschlussball am 25.Juni.2006. Es ähnelte einem amerikanischen Film. Es wurde sich vorher in einem Park getroffen um Tausende Photos zu schießen. So ein Blitzlichtgewitter war ich gar nicht gewöhnt! :-P Als ich nach einer Stunde Photos kaum noch nicht künstlich lächeln konnte, ging es ab zu einem Hotel wo ein Saal für uns gemietet war. Am Ball selber wurde dann erst einmal gemeinsam gegessen, es wurde der Ballkönig und die Ballkönigin ernannt, uns wurde ein selbstgedrehter Film gezeigt und dann ging es mit unseren übelst hübschen Kleidern auf die Tanzfläche. Während des Morgengrauens leerte sich der Saal und man traf mich mit seinen Freunden zum "Après-Ball" dort trat man dann wieder in weiten Shorts und ausgewaschenen T-Shirts auf (naja, ganz so schlimm war es nicht!) und ließ den Abend zusammen ausklingen. Man könnte über diesen Tag (eigentlich nur mehrere Stunden) einen ganzen Roman schreiben, aber das möchte ich euch nicht antun. Erlebt besser selber euren eigenen wunderschönen Abschlussball.

Am 26.Juli war dann leider der Tag des Abschieds für mich gekommen. Nach 10 Monaten musste ich mein zweites liebgewonnenes Zuhause mit dieser vertrauten Umgebung und Leuten verlassen. Auf keinen Fall ein leichter Abschied! Es flossen viele Tränen. Aber wie lautet mein Motto: Don’t cry because it’s over! Smile because it happend! J Und unter diese Motto hab ich mich dann auch verabschiedet. Ich war, und bin es immer noch, einfach unglaublich dankbar dieses tolle, prägende, wunderschöne Jahr erlebt zu haben! Es war sicherlich nicht immer ein Zuckerschlecken. Man hat seine Hochs und auch seine Tiefs. Es sind 10 Monate, die mein Leben verändert haben, mir ein zweites Zuhause geschaffen haben, mir neue Freunde geschenkt haben, Französisch beigebracht haben... kurzum: 10 Monate, die in meine Lebensgeschichte eingegangen sind ohne diese jemals zu vergessen! Wenn ihr die Chance habt, nutzt diese! Sie wird nie wiederkommen! Packt all euren Mut und eure Abenteuerlust zusammen und nehmt diese einmalige Chance wahr. Es lohnt sich garantiert!

Insa Spatz
 

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