Queensland: Antonia Schaefer berichtet von der Smithfield State High School - Smithfield (Queensland / Australien)
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Der Wunsch entstand schon vor Jahren in meinem Kopf: Weg, für ein Jahr, ganz für mich allein. Als dann die Lehrer in der Schule anfingen, darüber zu reden, wurde ich hellhörig und nach einigen Auseinandersetzungen, unerträglich langer Überlegungszeit und vielen gemischten Gefühlen war es dann soweit. Die Organisation war ausgewählt und der Flug nach Australien stand unmittelbar bevor. Am Flughafen war mir komisch zumute, ein dumpfes Gefühl, fast als hätte man mir Watte auf die Ohren gedrückt.  Meine Familie und Freunde winkten, als ich durch die Glastür verschwand. Mir war ein wenig schlecht vor Aufregung, doch in meinem Kopf wiederholte ich nur immer wieder den Satz: „ Wenn es schon so viele Menschen vor dir geschafft haben, warum du dann nicht auch??“.

Knapp vierundzwanzig Stunden später senkte sich die Nase des vierten Quantasflugzeuges, in dem ich inzwischen saß, zur Erde. Aus den Lautsprechern kam die freundliche Stimme der Stewardess: „Ladies and Gentlemen, sagte sie, in a couple of minutes we’re gonna be landing at Cairns International Airport, please fasten your seatbelts.“ Mir drehte sich der Magen um. In ein paar Augenblicken würde ich der Familie begegnen, mit der ich ein Jahr leben sollte. Dann war es auch schon soweit: Ich trat in die Eingangshalle des Flughafens, wo auch schon die Familien auf ihre Gastschüler warteten. Die Begrüßung viel herzlich, aber auch abwägend aus. Es ist keine einfache Situation, wenn man Menschen trifft, die man nicht kennt und weiß dass man ab sofort ein Jahr als Familie zusammenlebt. Wie wird man Mitglied einer Familie, die man überhaupt nicht kennt? Denn ist es nicht das, was eine Familie ausmacht, dass man sie von Geburt an kennt, mit allen Ecken und Kanten vertraut ist? Mir war klar, dass das ganze kein Wunschkonzert werden würde, also lächelte ich und freute mich auf viele gemeinsame Monate, in denen ich hoffentlich viel über diese noch so fremde Familie lernen würde.

In den nächsten Tagen lernte ich Nachbarn und Umgebung kennen und dann fing auch schon die Schule an. Ich setzte mich mit dem Schulleiter zusammen, für die Fächerwahl, 6 Fächer müssen generell gewählt werden in Australien und bis auf  das Pflichtfach Englisch hatte ich an meiner Schule freie Wahl. Das ist aber von Schule zu Schule unterschiedlich. Ich war ganz begeistert, als ich von Angeboten wie etwa Outdoor Education (Sport in der freien Natur, wie etwa wandern, klettern, Kanu fahren, abseilen, u.Ä) oder Furnishings (zu Deutsch etwa so etwas wie Werken, nur dass man richtige Möbelstücke baut und mit Maschinen wie Kreissägen u. Ä. arbeitet) erfuhr, endlich konnte man seinen Schwerpunkt auch mal nach persönlichen Interessen ausrichten. Natürlich wurden auch die akademischen Fächer, wie Mathematik, Sprachen oder Naturwissenschaften wählen, aber auch der sportliche und künstlerische Bereich war weit ausgeprägt.

Am Anfang war es ein wenig schwierig Anschluss zu finden, besonders da wir so viele Deutsche an der Schule waren, doch man muss einfach dranbleiben, über seinen Schatten springen und die Leute ansprechen, die beißen ja nicht und freuen sich auch neue Kontakte zu knüpfen. Grüppchen zu bilden wirkt eher abschreckend und auch wenn es am Anfang tröstend sein kann, mit Menschen in der gleichen Situation zusammen zu sein, sollte man  auf Dauer versuchen, Menschen aus der jeweilige Nation kennenzulernen, in  die man gefahren ist, denn dazu ist man schließlich erst aufgebrochen, um ein neues Land, eine neue Kultur und neue Lebensweisen kennenzulernen.

In den nächsten Monaten musste ich lernen, dass der eigene Einsatz das wichtigste in diesem Jahr sein würde. Ganz oben auf der Liste steht das Fragen: Auch wenn man sich blöd vorkommt, es ist extrem wichtig, zu kommunizieren, besonders wenn man sich unwohl fühlt. Sich abzuschotten bringt nichts, das hilft einem selbst nicht und die Gastfamilie kann auch nicht erahnen, was in einem vorgeht, wenn man nichts sagt.  Zum eigenen Einsatz zählt auch, dass man sich selbst verändern muss, flexibel sein muss. Auch in der Gastfamilie wird es mal zu Streitigkeiten und Reibungen kommen, das gehört zu einem normalen Familienleben auch dazu.

Manchmal kommt es zu einer Situation in der der Gastschüler die Familie wechseln muss, wie auch bei mir.

Ich wechselte nach 6 Monaten die Familie, weil ich mit meiner Gastmutter nicht mehr zurecht gekommen bin. Natürlich war diese Zeit schwierig für mich, aber ich setzte mich hin und fragte mich: „ Willst du jetzt aufgeben, nachdem du so viele Freunde hier gefunden hast und so viel Schönes erlebt hast?“ Das wollte ich nicht, doch ich wollte auch nicht wieder ganz von vorne anfangen, in einer neuen Familie, die meine Organisation sicher für mich herausgesucht hätte. Also nahm ich mich zusammen und rief eine Familie an, mit der ich mich angefreundet hatte. Ich fragte, ob ich für die nächsten 6 Monate bei ihnen leben könnte. Das kostete mich einige Überwindung, aber es wurde belohnt: Ich verbrachte dort herrliche 6 Monate und wurde ein richtiges Mitglied der Familie. Nächsten Sommer fahre ich sie besuchen.

Ich selbst habe mich in diesem Jahr unglaublich weiterentwickelt. Neben nahezu perfekten Englischkenntnissen (wenn auch mit australischem Slang), sind meine Selbstständigkeit, mein Selbstwertgefühl und mein Selbstvertrauen sehr gestiegen. Auch meine Weltsicht ist viel offener geworden und ich kann Vieles besser nachvollziehen. Ein unglaubliches Jahr.